L 18/228 - Auflösung des Faches Erdkunde in den Schulen

L 18/228 - Auflösung des Faches Erdkunde in den Schulen

Beitragvon Moderator » Mi 24. Apr 2013, 06:13

Herr Günther Riemann hat nachstehende Petition eingereicht:

"
Petition zum Thema
Auflösung des Faches Erdkunde/Geografie in Schulen des Landes Bremen

Geografie bildet, Geography matters. Dieser Erkenntnis ist das Land Bremen seit Jahrzehnten gefolgt und hat dem Fach Geografie einen großen Stellenwert in der Bremer Schullandschaft eingeräumt.
Die Bedeutung des Faches Erdkunde/Geografie liegt in ihrem einzigartigen fächerverbindenden Charakter. Dieses wird deutlich formuliert im derzeitig gültigen Bremer ‚Bildungsplan Geografie für die Gymnasiale Oberstufe‘ (Fußzeile 1):

„Der Geografieunterricht als ein zentrales Fach der Umwelterziehung thematisiert grundlegenden politische, soziale, kulturelle, wirtschaftliche, ökologische und demographische Entwicklungen sowie daraus entstehende Veränderungen und Probleme. Er ermöglicht, Lösungsansätze zu bewerten und Lösungen zu entwickeln.“ (S. 5)
und
„Der Geografieunterricht verbindet naturwissenschaftliche und sprachliche Fragestellungen und ist somit vernetzend, integrativ, fächerübergreifend und fächerverbindend. Strukturen und Veränderungen von Lebenswelten werden systematisch erfasst, erklärt und in Beziehung gesetzt.“ (S. 5)

Mit Bedauern und großer Sorge stellen wir daher fest, dass der Unterricht im Fach Erdkunde/Geografie in starkem Maße in den Bremer und Bremerhavener Schulen abgenommen hat. Sollte sich diese Tendenz fortsetzen, ist zu befürchten, dass das bei Schülerinnen und Schülern beliebte Fach in kurzer Zeit nicht mehr an den Schulen des Landes Bremen unterrichtet werden wird. Ursachen und Folgen lassen sich auf veränderte Bedingungen in der Schulpolitik des Landes Bremen zurückführen.

Ursachen für diese Wertminderung liegen in dem schulpolitischen Umgang mit dem Fach im Land Bremen:

1. Die Unterrichtsstunden für das Fach Erdkunde wurden in den Klassen 5 bis 10 der Oberschule gekürzt gegenüber der Stundenzuteilung im bisherigen Schulsystem. Im aktuellen Bildungsplan für die Oberschule (Fußzeile 2) stehen 17 Wochenstunden zur Verfügung für das Fach ‚Gesellschaft und Politik‘ in diesem Zeitraum. Damit entfallen auf die ‚Geografische Dimension‘ weniger Wochenstunden als vorher dem Fach Geografie zur Verfügung standen.

2. Betrachtet man die zu behandelnden Themenbereiche so stellt man fest, dass die ‚Geografische Dimension‘ neben der Stundenreduzierung auch einen stark reduzierten Anteil an den Inhalten im Vergleich zu den beiden anderen Fächern Geschichte und Politik hat. Die Vermittlung topografischen Wissens spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Hinzu kommt, dass nur ein Teil der LehrerInnen, die das Fach Gesellschaft und Politik unterrichten, die Lehrbefähigung für das Fach Geografie hat.

3. Die Liste der Operatoren im Anhang des Bildungsplans für die Oberschule weist nur noch Operatoren für die Fächer Geschichte und Politik aus, nicht mehr für das Fach Geografie. In der Gymnasialen Oberstufe ( GyO) hat das Fach eine eigene Operatorenliste, die sich unterscheidet von den Listen der Fächer Geschichte und Politik. Eine Vorbereitung der SchülerInnen auf eine GyO wird dadurch zusätzlich erschwert.

4. Der Bildungsplan für das Gymnasium Jahrgangsstufe 5 – 6 (Fußzeile 3) fasst die Fächer Geschichte, Geografie und Politik zum Fach ‚Welt-Umweltkunde‘ zusammen. Die geforderten fachlichen Kompetenzen sind sehr umfangreich, jedoch hat auch hier erfahrungsgemäß nur ein Teil der WUK-unterrichtenden LehrerInnen die Lehrbefähigung für das Fach Geografie.

5. Im Bildungsplan für die Primarstufe und Sekundarstufen I&II Medienbildung, Entwurfsfassung Juni 2012 (Fußzeile 4) , taucht das Fach Erdkunde/ Geografie gar nicht mehr auf. Und damit werden wesentliche geografische Inhalte wie digitale Karten und Atlanten, Google Earth, Google Maps, als feste Bestandteile unseres täglichen Lebens, sowie wesentliche Kompetenzbereiche digitaler Medien gar keine Berücksichtigung in Schulen des Landes Bremen finden.

In der Sekundarstufe II setzt sich die Wertminderung des Faches Geografie fort – soweit das Fach überhaupt noch in den Schulen angeboten wird.

6. Der Grundkurs Geografie kann nur als mündliches Prüfungsfach für das Abitur angewählt werden. Eine Anwahl als schriftlich geprüftes 3. Prüfungsfach ist nicht mehr möglich.

Als Folge dieser veränderten Bedingungen ist festzustellen, dass die Anwahlzahlen sowohl für die Grund- als auch die Leistungskurse Geografie stark zurückgegangen sind. Dieser Rückgang führte dazu, dass in mehreren Schulen im Land Bremen das Fach Geografie nicht mehr in der Sekundarstufe II unterrichtet wird.

Dies dürfte auch dazu führen, dass die Ausbildung von Geografie-LehrerInnen an der Universität Bremen rückläufig werden wird, da nur noch ein verringerter Bedarf an entsprechend ausgebildeten LehrerInnen besteht.

Um den Zielsetzungen aus den Bildungsplänen gerecht zu werden, ist eine Weiterentwicklung der Bremer Schulpolitik dringend notwendig.

Wir schlagen daher vor:

1. Den Stellenwert der Geografie als einziges fächerverbindendes Fach zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften mit folgenden Schwerpunkten aufzuwerten und zu erweitern:

a. Fachkompetenz: Vertiefung der Nachhaltigen Entwicklung unter den Aspekten der Wirtschaftlichkeit, sozialer Gerechtigkeit und Umweltverträglichkeit auf lokaler wie globaler Ebene.

b. Methodenkompetenz: Einführung in digitale GeoMedien und Geoinformatik zur Erfassung, Bewertung und Visualisierung komplexer Raumstrukturen; Kennenlernen angewandter Geo-Informatik in unterschiedlichen Berufsfeldern (z.B. Stadt- und Umweltplanung, Landesvermessung, Wirtschaftsinformatik, usw.).

c. Handlungskompetenz: Zeigen, wie politisches Engagement in einer vernetzten Welt funktionieren kann, wie sich der Einzelne in politische Entscheidungsprozesse einbringen kann.

2. In der Oberschule
a. Eigenständiger Geografie Unterricht,
b. Doppelstündig von Fachlehrkräften unterrichtet.

3. In der Sekundarstufe I
a. Eigenständiger Geografie Unterricht und Ausweitung der Stundenzahl,
b. Doppelstündig von Fachlehrkräften unterrichtet

4. In der Sekundarstufe II:
a. Änderung der KMK-Bedingungen: Dadurch, dass aus den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik zwei der Fächer als Prüfungsfächer für das Abitur gewählt werden müssen und gleichzeitig im Aufgabenfeld 2 vier Kurse Politik oder zwei Kurse Geschichte verpflichtend sind, werden andere Fächer des Aufgabenfelds 2 (gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld) weniger angewählt. Eine Erweiterung der Anwahlmöglichkeiten , die eine Auswahl zwischen Politik, Geschichte und Geografie zulässt, würde dem Stellenwert des Faches eher gerecht werden.

b. Geografie Leistungskurs: Aufnahme als schriftliches Prüfungsfach im Zentralabitur.
c. Geografie Grundkurs: Anwahl als schriftlich geprüftes 3. Abitur-Prüfungsfach ermöglichen.

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Fußzeile 1: Die Senatorin für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Geografie – Bildungsplan für die Gymnasiale Oberstufe. Bremen 2008
Fußzeile 2:Die Senatorin für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Gesellschaft und Politik – Bildungsplan für die Oberschule, Jahrgangsstufe 5 – 10, Bremen 2010
Fußzeile 3: Der Senator für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Welt-Umweltkunde, Geschichte, Geografie, Politik, Jahrgangsstufe 5 – 10, Bremen 2006
Fußzeile 4: Die Senatorin für Bildung, Wissenschaft und Gesundheit (Hrsg.), Medienbildung (Entwurfsfassung), Bremen 2012"
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Re: L 18/228 - Auflösung des Faches Erdkunde in den Schulen

Beitragvon ybeltec » Mi 24. Apr 2013, 08:46

Zustimmung:
Ich fordere eine Festschreibung der in der Petition eingereichten Lehr- und Lerninhalte in das Kerncurricula für das Fach Geographie an den Bremer/Bremerhavener Schulen, wodurch der/die LehrerIn ihre SuS zielführend zu einem Verständnis der Welt führen können.
Begründung:
INSPIRE - Infrastructure for spatial information in the european community
GDI-DE - Geodateninfrastuktur Deutschland

Hartmut Ohmes
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Re: L 18/228 - Auflösung des Faches Erdkunde in den Schulen

Beitragvon Babbeler » Mo 29. Apr 2013, 07:23

Prinzipiell unterstütze ich die Stärkung des Geographieunterrichts, da mir das Fach hilft, die immer komplexer werdende Welt zu verstehen, kritisch mit Darstellungen anderer umzugehen und meine eigene Sicht der Dinge fundiert zu begründen. Das Fach hilft mir verantwortungsbewusst Entscheidungen zu treffen.
Allerdings bin ich der Meinung, dass sowohl der Verweis auf die neuen technischen Medien als auch die fortdauernde Betonung des fächerverbindenden Charakters des Faches, extrem schwache Argumente sind, die ich nicht teilen würde. Das Argument der technischen Medien finde ich schwach, weil Medien immer nur Mittel zu etwas sind. Wenn das „zu etwas“ fehlt, dann fehlt dem Fach schlicht seine Grundlage. Um die fachlichen Aspekte zu verstehen sind neue Medien zudem nicht unbedingt notwendig (siehe das Lob der Skizze durch den Chefkartographen des Atlas der Globalisierung) noch sind sie immer hilfreich (das zeigen amerikanischen Studien). Das Argument des fächerverbindenden Charakters finde ich schwach, weil man dazu Fächer braucht, die sich verbinden lassen. Eine, Fach, das sich vor allem durch den Verbindungscharakter auszeichnet, fehlt aber offensichtlich eine solche fachliche Identität. Dementsprechend wundert es nicht, wenn es in Verbundfächern plötzlich verschwindet.
Deswegen gehört zu einer Stärkung des Faches m. E. auch eine Rückbesinnung auf die Stärken des Faches. Für mich liegen seine Stärken darin, dass es jungen Menschen hilft, die Welt mit anderen Augen zu sehen, indem es relevante Fragen stellt: Was ist eigentlich Diversität? Wann trennen Grenzen und wann verbinden sie? Gibt es wirklich nur dort (Staats-) Grenzen, wo sie auf Karten eingezeichnet sind? Wie wirkt sich ein Konflikt auf einer Maßstabsebene auf andere Maßstabsebenen aus? Verändert sich der Inhalt eines Konflikts, wenn er von der regionalen Ebene auf die lokale Ebene transferiert wird? Wie verändert sich die Bedeutung einer EU-Verordnung, wenn sie bis auch die lokalen Ebenen der Mitgliedsstaaten heruntergebrochen wird? Was bedeutet Globalisierung für diejenigen, die nicht vernetzt sind? Welche Vernetzungen sind warum gewünscht und welche sind unerwünscht? Und von wem? Und wie wird all das von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in verschiedenen Ländern wahrgenommen? Aufgrund welcher Darstellungen?
Um all diese Fragen beantworten zu können, bräuchte man wirklich mindestens zwei Stunden Geographieunterricht in der Woche!
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Re: L 18/228 - Auflösung des Faches Erdkunde in den Schulen

Beitragvon JÖRG F. VENZKE » Di 14. Mai 2013, 18:24

Universität Bremen
Fachbereich 8
Institut für Geographie
- Die Hochschullehrer - 14. Mai 2013


KOMMENTAR ZUR PETITION

Der Erdkundeunterricht verschwindet zunehmend aus dem schulischen Leben in Bremen. Dieser Abbau eines klassischen, jedoch auch sehr modernen Bildungsfaches wird von vielen bedauert und beklagt, jedoch von den politisch Verantwortlichen ignoriert. Die Petition von Günther Riemann und Jutta Breyer vom Lloyd Gymnasium Bremerhaven macht auf diesen Missstand aufmerksam und fordert eine Rücknahme der entsprechenden Verfügungen.

Die Hochschullehrer und der Lektor für Geographiedidaktik des Instituts für Geographie der Universität Bremen schließen sich dieser Petition ausdrücklich an!

Es erscheint uns, dass den politisch und administrativ Verantwortlichen des Landes Bremen die Bedeutung des Schulfaches Erdkunde, durch das jungen Menschen Kenntnisse und Kompetenzen für verantwortliches Handeln in einer sich rasant verändernden Welt vermittelt werden, verkannt wird. Dies beunruhigt besonders, weil sich das stets weltoffen und internationalen Beziehungen und Problemen aufgeschlossen gebende „hanseatische“ Bundesland Bremen eine Abschaffung dieses Basisfaches in der Schulausbildung nicht leisten kann.

Höchst aktuelle Problemfelder wie unter anderen
- Klimawandel und Meeresspiegelentwicklung sowie Veränderungen von Umwelt und Biodiversität,
- demographischer Wandel und Migration,
- Globalisierung von ökonomischen Prozessen und Kommunikation,
- „Energiewende“ und nachhaltige Ressourcennutzung in lokalen, regionalen und globalen Dimensionen,
- Bereitstellung von ausreichend Wasser, Nahrung und Energie sowie
- Verlagerung von politischen Machtzentren und sich verändernde geopolitische Konstellationen mit der möglichen Entwicklung von zukünftigen Krisenherden
haben räumliche Komponenten und fordern zur Bearbeitung und Problemlösung geographische Kompetenzen, die nur im Fach Erdkunde sachgerecht vermittelt werden.

An der Universität Bremen bieten wir im Institut für Geographie eine zeitgemäße und handlungsorientierte Ausbildung von Fachkräften, die über die notwendigen Kompetenzen verfügen

Mit Sorge betrachten wir diese „Erosion“ des Erdkundeunterrichts in Bremen und fordern
- eine Stärkung der Schulerdkunde als eigenes Unterrichtsfach mit mindestens zwei Unterrichtsstunden pro Woche,
- die Zulassung von Erdkunde als Abiturfach,
- eine verbesserte Ausstattung der Geographie an der Universität Bremen durch Wiederbesetzung einer Professur für Geographiedidaktik,
- die Bereitstellung von zusätzlichen Referendariatsstellen für AbsolventInnen der Geographie im Bundesland Bremen sowie
- die Übernahme und Einstellung von jungen Kolleginnen und Kollegen in den Bremer Schuldienst.


Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Michael Flitner
Prof. Dr. Julia Lossau
Dr. Fried Meyer zu Erbe
Prof. Dr. Ivo Mossig
Prof. Dr. Jörg Friedhelm Venzke
Prof. Dr. Bernd Zolitschka
JÖRG F. VENZKE
 
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